Pflegearmut in Bremen: Tausende Pflegebedürftige erhalten zustehende Hilfe nicht

In häuslicher Pflege erhält nur jede sechste anspruchsberechtigte Person „Hilfe zur Pflege" – Armutsrisiko auch für pflegende Angehörige

Medieninformation

Bremen, 19.03.2026. In Bremen erhalten rund 6.000 armutsbetroffene Pflegebedürftige, die zu Hause gepflegt werden, die ihnen zustehende „Hilfe zur Pflege" nicht. Das zeigt eine aktuelle Studie zum Thema Pflegearmut in Deutschland, die der Paritätische Gesamtverband in Auftrag gegeben hat. Bundesweit betrifft das etwa 300.000 Menschen.

Laut der Studie erhalten in Bremen lediglich 1.090 Personen von den insgesamt 7.075 anspruchsberechtigten zu Hause versorgten Pflegebedürftigen die staatliche Unterstützung – das ist nur etwa jede sechste Person (15,4 %). Für den Paritätischen Bremen ein alarmierendes Signal, das auf eine Unterversorgung und verdeckte Pflegearmut in diesem Bereich hinweist.

„Pflegearmut ist oft auch die Armut der Menschen, die ihre Angehörigen pflegen – das steht viel zu wenig in der öffentlichen Debatte“, kritisiert Joachim Schuster, Verbandsratsvorsitzender des Paritätischen Bremen. Pflegebedürftige müssen ihr Vermögen weitgehend aufbrauchen, bevor staatliche Hilfe greift. Gleichzeitig reduzieren oder geben viele pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit auf – mit dauerhaften Folgen für Einkommen und Rente. So besteht die Gefahr, dass nicht nur die Pflegebedürftigen, sondern ganze Familien in die Armut abrutschen. „Die ‚Hilfe zur Pflege‘ muss endlich besser bei den zu Hause versorgten Menschen ankommen – sie stabilisiert die Pflegesituation und entlastet Angehörige. Wenn wir auf andere Stadtstaaten blicken, sehen wir: Es geht auch anders. Gute Pflege darf nicht von der Postleitzahl abhängen“, so Schuster.

Unwissenheit, Scham und komplizierte Antragsverfahren

Die Gründe für die Nichtinanspruchnahme der „Hilfe zur Pflege“ sind vielfältig: Unwissenheit oder Unterschätzung der eigenen Ansprüche, Scham, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sowie Überforderung bei der Antragstellung. Aus der Praxis ist bekannt, dass Anträge auf „Hilfe zur Pflege“ in den Bremer Sozialzentren teilweise Bearbeitungszeiten von sechs Monaten und länger haben, bevor sie bewilligt werden.

Der Paritätische fordert daher mehr Transparenz und eine umfassendere sowie verständlichere Information der Zielgruppen über ihre Ansprüche. Zudem müssten die Bearbeitungszeiten in den Sozialzentren deutlich verkürzt werden.

Pflegedienste beobachten Ungleichheit in der Versorgung

Verschärft wird die Situation durch die steigenden Kosten in der ambulanten Pflege, während die Sachleistungsbeträge der Pflegeversicherung stagnieren. Auch die Pflegedienste beobachten eine zunehmende reale Entwertung der Pflegeleistungen. „Von Armut betroffene Menschen verzichten häufiger auf pflegerisch notwendige Leistungen oder kompensieren diese durch familiäre Eigenleistungen. Auf diese Weise wird die faktische Rationierung von Pflegeleistungen verdeckt, weil sie zunehmend in den privaten Bereich verlagert wird – mit einer überproportionalen Belastung einkommensschwacher Haushalte“, erläutert Mario Damitz, Geschäftsführer der Paritätische Pflegedienste Bremen gGmbH.

Auch für die Pflegedienste ist die Verwaltungspraxis in Bezug auf die „Hilfe zur Pflege“ problematisch: „Wir erbringen die Leistungen bei erfolgten Bewilligungen, aber die Zahlungen der Sozialhilfeträger lassen zum Teil monatelang auf sich warten“, so Damitz.


Laut Statistischem Landesamt Bremen lebten insgesamt 47.627 Pflegebedürftige in Bremen. Fast 90 Prozent von ihnen – genau 88,2 Prozent – werden zu Hause versorgt. Davon erhalten 22 Prozent Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst, die Mehrheit wird von Angehörigen gepflegt.

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Zahlen im Überblick (Bremen):

  • 47.627 Pflegebedürftige in Bremen 2023, PG 1-5 (Quelle: Bremen in Zahlen 2025, S. 49)
  • davon 11,8 % (5.621) stationär und (42.007) 88,2 % ambulant bzw. zu Hause versorgt
  • Anspruch auf Hilfe zur Pflege (HzP) zu Hause: 7.075 Menschen (Studie, S. 49)
  • Anzahl der tats. Empfänger*innen HzP zu Hause: 1.090 Menschen (Studie, S. 49) = 15,4 %

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