4. Bremer Armutskonferenz: Blick in die Quartiere – Bestandsaufnahme und Perspektiven

Sozialplattform Klima

Die 4. Bremer Armutskonferenz ist eine Strategie- bzw. Perspektivkonferenz, die danach fragt, wie eine weitergehende Unterstützung aus der Bremer Stadtgesellschaft und vor allem durch die Bremer Stadtpolitik aussehen muss, um Armutsfolgen zu bekämpfen. Zentraler Bestandteil der Konferenz sind Besuche in insgesamt 17 Bremer Quartieren.

„Trotz aller Anstrengungen des Senats und teilweise positiver Tendenzen in einigen Teilen Bremens hat sich in der Summe aller Ortsteile die soziale Spaltung in Bremen seit 2010 weiter verschärft. Wir sehen eine zunehmende Polarisierung zwischen dem Bremen Norden und Westen einerseits und dem Bremer Süden und Osten andererseits“, sagt René Böhme, Institut für Arbeit und Wirtschaft, Universität Bremen.

So beziehen in Borgfeld lediglich 1,0 Prozent der Unter-15Jährigen SGB II-Leistungen, in Grohn sind es 58,5 Prozent. In Horn liegt das steuerpflichtige Jahreseinkommen bei 144.903 Euro, in Gröpelingen bei  17.611Euro (Mittelwerte). 

„Besonders besorgniserregend empfinden wir die Entwicklung der Kennzahlen im Bereich Kinderarmut und Bildung", sagt Böhme.  So liegt die Abiturquote in Borgfeld bei 77 Prozent, in Gröpelingen bei 10 Prozent. Bei den Schuleingangsuntersuchungen zeigt sich, dass in sozial benachteiligten Ortsteilen mit rund 32 Prozent wesentlich mehr Kinder schulrelevante Vorerkrankungen haben als in gut situierte Ortsteilen mit 15 Prozent. 72 Prozent der Kinder in gut situierten Ortsteilen haben gesunde Zähne, aber nur 41 Prozent der Kinder in benachteiligten Ortsteilen.

„In einzelnen Kitas und Schulen konzentrieren sich Armut, Sprachprobleme, Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten in so geballter Form, dass dort dringend Unterstützung deutlich mehr erforderlich ist“, so Böhme.

In diesen Stadtteilen müssen Kitas, Grundschulen und Gesundheitsangebote in integrierten Familien- und Bildungszentren gebündelt werden. „Dafür müssen die vielen erforderlichen Um-, An- und Neubauten derzeit und zukünftig genutzt werden“, sagt Thomas Schwarzer, Arbeitnehmerkammer Bremen.

In den besonders durch wachsende Kinder- und Armutszahlen herausgeforderten Ortsteilen müssen mit Priorität die Ganztagsangebote ausgebaut werden. Dort noch bestehende vierstündige Betreuungszeiten müssen im Sinne einer nachholenden Entwicklung in einem ersten Schritt zu sechsstündigen und dann zu ganztätigen Angeboten erweitert werden. „Sonst ist eine Erwerbstätigkeit zur finanziellen Stabilisierung der Familien, insbesondere von Einelternfamilien, kaum möglich“, so Schwarzer. 

Die genannten Zahlen zu Kinderarmut und Gesundheit zeigen schon, dass gerade in den benachteiligten Stadtteilen mehr für die Gesundheitsförderung getan werden muss“, sagt Inge Danielzick. Denn Gesundheit entsteht dort, wo Menschen leben, lernen, spielen und arbeiten. Ein niedrigschwelliger Ansatz wird beispielsweise seit Jahren erfolgreich von der Frauengesundheit in Tenever und dem Gesundheitstreffpunkt West umgesetzt. 

Notwendig ist die Entwicklung integrierter Versorgungszentren, eine sozialraumorientierte Haus-, Kinder- und Facharztverteilung und die Stärkung von Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten und Schulen. Zudem sind in solchen Regionen die Bedarfe und die Aufgaben von hausärztlichen Praxen viel komplexer und herausfordernder. „Hier ist die Kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht“, sagt Inge Danielzick. 

Im Bereich der Bremer Stadtentwicklung müssen die neuen Wohnungsbauprojekte an vielen Standorten der weiter wachsenden Stadt unbedingt auch dazu genutzt werden, Quartiere mit einer besonders hohen Konzentration von Menschen in Einkommensarmut deutlich zu entlasten, und ihnen bessere Wohn- und Lebensbedingungen in den neuen Quartieren zu bieten. 

Im aktuellen Koalitionsvertrag und diversen Papieren für eine verbesserte Quartierspolitik des Zusammenhalts in Bremen ist stets die Rede von einer Verbesserung der Koordination der Senatsressorts wie auch der Koordination in den Quartieren durch Ortsämter und Quartiersmanagement. Eine solche Koordinierung war bereits eine der zentralen Forderungen der 1. Bremer Armutskonferenz im Jahr 2013. Jetzt, sieben Jahre später, ist es höchste Zeit, diese „Koordination“ nicht zu erörtern, sondern sie endlich zu installieren !!!. 

Mit über 200 TeilnehmerInnen ist die Konferenz, die von einem breiten Bündnis aus Bremer Institutionen getragen wird, wieder ausgebucht. 

Das soziale Bündnis zur Vorbereitung der Konferenz gibt es seit 2013 und setzt sich zusammen aus dem Paritätischen Bremen, der Arbeitnehmerkammer, der Arbeiterwohlfahrt, dem Bremer Rat für Integration, der Caritas, dem DGB, dem Diakonischen Werk, dem Deutschen Roten Kreuz, der Bremischen Evangelischen Kirche, dem Katholischen Gemeindeverband, der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Bremen, sowie den Bremer QuartiersmanagerInnen und dem Gesundheitstreffpunkt West. 

Die erste Bremer Armutskonferenz 2013 beschäftigte sich mit dem Thema „Kinderarmut“ und forderte ein Konzept zur koordinierten Armutsprävention und ressortübergreifende Strategien zur Bekämpfung von Kinderarmut.  Daraufhin wurde – auf Initiative von Ex- Bürgermeister Jens Böhrnsen ein Bündnis für Sozialen Zusammenhalt gegründet.

Die zweite Bremer Armutskonferenz forderte im Februar 2016 „Alle Jugendlichen befähigen durch neue Chancen und bessere Teilhabe“. Problembereiche wie Berufsausbildung, schulische Vorbereitung und Übergänge, quartiersbezogene Jugendarbeit und SGB II Rahmenbedingungen wurden analysiert und themenbezogene Forderungen gestellt.

Die Dritte Bremer Armutskonferenz im Februar 2018 zeigte: Armut ist nachweislich das größte Gesundheitsrisiko. Eine aktive kommunale Gesundheitspolitik braucht besser koordinierte Förderstrategien für Quartiere, in denen viele Menschen mit wenig Geld leben: in Kitas, Grundschulen, Gesundheitstreffs, Arztpraxen, Senioreneinrichtungen und im Job-Center. Ansätze zur Gesundheitsförderung und Armutsprävention sind weiterzuentwickeln.

Vorträge und Handout zur Armutskonferenz:

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